Cultural Creatives - The (R)evolution

Internet als identitätsstiftendes Instrument

Das perfide Vorgehen von Anders Behring Breivik, der für das Massaker von Norwegen verantwortlich zeichnet, gleicht einem perfekt ausgeklügelten Kriminalroman aus der Feder eines skandinavischen Bestseller-Autoren. Doch die Bluttaten des eiskalten Killers von Oslo und Utøya sind nach wie vor unbegreifliche Realität.

Dieser Beitrag soll nicht die Tat rekonstruieren, auch nicht irgendeine Wertung oder eine Meinung aufzeigen. Es geht in diesem Artikel nicht um das grausame Verbrechen nach einem schier perfekten Plan (in Kürze: falsche Fährte durch Bombenattentat im Osloer Regierungsviertel, Verkleidung als Polizist um auf eine Insel ohne Fluchtmöglichkeit zu gelangen), sondern um die Konstruktion des Killers im Internet.

Social Media bot für den 32-Jährigen die Plattform, um seine Ideologie – so man denn überhaupt davon sprechen mag – zu initiieren bzw. zu streuen. Ihm ist gelungen, das gesellschaftliche Gedächtnis durch das Internet zu täuschen bzw. eine Vorstellung seiner Selbst zu schaffen, die nur durch Medien generiert wird – sei es durch Twitter, Videos oder Facebook.

Der Stern schrieb dazu: “…er nutzte gezielt das Internet um seine demagogischen Hassbotschaften und seine Ideologie zu verbreiten.”

Auf Facebook inszenierte sich der Massenmörder unspektakulär:

“Dort, wo er etwas von sich preisgab, fiel er nicht weiter auf. Glaubt man dem Bild, das der 32-Jährige im Internet von sich entwarf, war er ein unscheinbarer Mensch. Ein Mitglied bei Facebook, wie fast 600 Millionen andere Internetnutzer auch. Seinen virtuellen Freunden empfahl er regelmäßig Videos mit Trance-Musik. Sein Auftritt auf der Internetplattform ist unspektakulär. Er ordnete sich selbst als christlichen Konservativen ein, der sich für politische Analysen interessiert.” - n-tv

“Die Profile unter seinem Namen bei Facebook und dem Kurznachrichtendienst Twitter sind erst am 17. Juli entstanden. Auf Twitter steht nur dieser Satz: “Ein Mensch mit einem Glauben hat die Kraft von 100 000, die nur Interessen haben.” In der Öffentlichkeit will Breivik als konservativer Christ gesehen werden. Der Facebook-Seite zufolge, die von der Netzgemeinde noch in der Nacht zum Samstag gesichert wurde, hat er ein Osloer Handelsgymnasium besucht. Er gehe gerne jagen, spiele “Worlds of Warcraft”. Als Idole sind der britische Premierminister Winston Churchill (1874-1965) genannt und Max Manus (1914-96) – Widerstandskämpfer während der Zeit der deutschen Besetzung Norwegens. Das Profil outet ihn als Liebhaber klassischer Musik, Kants “Kritik der reinen Vernunft” und Adam Smiths “Der Wohlstand der Nationen”.” – n-tv

“Die Facebook-Seite des Anders Behring Breivik, wohl auf Betreiben der Ermittlungsbehörden inzwischen aus dem Netz genommen, schien Bände zu sprechen: Vieles von dem, was die Öffentlichkeit bisher über die Person Breivik weiß, stammt von dieser Seite. Sie enthält in typisch knapp gehaltener Facebook-Form die Kernangaben, mit denen er derzeit beschrieben wird: Konservativ, christlich, Jäger, Video-Spieler, Freimaurer sei er.” - Spiegel-Online

“Nur wer im Internet stöberte, konnte einen anderen Anders Behring Breivik erleben. In der virtuellen Welt der sozialen Netzwerke und Foren mochte man erahnen, was wirklich im Inneren des netten jungen Mannes vorging”, heißt es wiederum im einem Beitrag der Rheinischen Post.

Das Internet war nicht nur der ideale Ort, um die Person Anders Behring Breivik zu konstruieren und ihr eine Identität zu verleihen. Die Spuren, die im Web hinterlassen wurden, gehen sogar einen Schritt weiter: Mittlerweile gibt es auf Facebook Gruppen, die die Todesstrafe gutheißen – eine Thematik, der sich auch die Baseler Zeitung annimmt.

Hinzu kommt das 1.518 Seiten starke Pamphlet mit dem Titel “2083. A European Declaration of Indepence” , in dem er zu Gewalt gegen Muslime und Kommunisten aufruft und einen “Rassenkrieg” ausruft.

Bei Wikipedia-Autoren entbrannte sogar ein Streit um die Rekonstruktion der Ereignisse.

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